
«Dark Matter», die dunkle Materie also, die das Weltall dominiert, lautet auch der Titel eines Formats von Marco Goecke, mit dem er Miniaturen seines Schaffens auf die Bühne bringt. Soli, Duette und Ensemblewerke wechseln sich ab. Zur Musik der Chansonnière Barbara sowie von Nina Simone, Lady Gaga, Keith Jarrett, Johnny Cash, Ravi Shankar und Etta James bewegen sich die Mitglieder des Basler Ballettensembles.
Doch was tun sie eigentlich? Spüren sie der Musik nach, erzählen sie uns eine Geschichte, die ihnen auf den Leib choreografiert wurde, oder ist es ihre eigene Geschichte, die sie zu der gespielten Musik improvisieren? Ist es zentral zu wissen, was sie tun, oder sollten wir uns nicht vielmehr der Qualität ihrer Bewegungen widmen und das Denken für eine Weile auf den Besucherrängen der Kleinen Bühne ausser Acht lassen?
Es lohnt, sich für eine Stunde auf die Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer zu konzentrieren, um sich mit dem Vokabular Marco Goeckes vertraut zu machen, das nicht irgendeines ist. Er versteht es, den bislang getanzten Alphabeten eine neue Richtung vorzuschlagen, die sich inspirierend auf die Bewegungen auswirkt. Klingt vielleicht verwirrlich. Ich versuche es mit einem Beispiel: Wie wäre es, nach der Musik Keith Jarretts den «Nussknacker», «La fille mal gardée» oder «Giselle» zu tanzen? Würden sich dabei nicht neue Bewegungsstrukturen über altbekannte schieben und eine Art Synthese bewirken?
Plötzlich tauchen in den Stücken – man kann aus den Darbietungen eine beliebige wählen – Bewegungen auf, die man so bislang nicht gesehen hat. Die Arme der Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich, als wollten sie zu einem Abflug starten. Doch sehen wir die Bewegungen fragmentiert, in Einzelsequenzen zerlegt, und wissen nicht, ob dies so stundenlang eingeübt wurde oder einer bestimmten Lichttechnik zu verdanken ist. Das erinnert an das 1912 entstandene Gemälde «Dinamismo di un cane al guinzaglio» des italienischen Futuristen Giacomo Balla, das einen Hund an der Leine zeigt. Eine alltägliche Bewegung, die Balla in Sekundensequenzen zerlegt hat, was den Betrachtenden das Gefühl gibt, der Hund im Bild bewege sich samt der Leine.
Und genauso alltäglich sind die Bewegungen in Goeckes Choreografien, bloss hat man sie in dieser Neuakzentuierung bislang nicht wahrgenommen – vielleicht nur deshalb, weil wir doch eigentlich wissen, dass wir nicht fliegen können, und daher auch nie einen entsprechenden Versuch unternehmen. Wieso also nicht mal Neues, Ungewohntes versuchen, um so zu neuen Lösungen zu kommen? Und vielleicht liegt da das Geheimnis der dunklen Materie. Wir schauen in den Nachthimmel und vermuten, sie zu sehen, obwohl wir sie gar nicht sehen können und nur wenig über sie wissen.
«Black Matter» thematisiert solch bekannte, unbekannte Choreografien, die uns gleichzeitig vertraut und fremd erscheinen. Interagieren die beiden im Duett nun miteinander oder sind sie gerade im Begriff, sich voneinander zu entfernen? Will der Solotänzer uns etwas zeigen oder konzentriert er sich lediglich auf seine Bewegungen? Auch wenn es schwerfallen dürfte, ist es der Mühe wert, das Denken auszuschalten und für einen Moment einzig und allein zu schauen.
Theater Basel. Kleine Bühne. Ballett. Termine auf: www.theater-basel.ch
Text: Simon Baur
Bildlegende: Neue Bewegungsstrukturen in «Dark Matter»
Fotos: ©Gregory Batardon, Theater Basel

«Dark Matter», die dunkle Materie also, die das Weltall dominiert, lautet auch der Titel eines Formats von Marco Goecke, mit dem er Miniaturen seines Schaffens auf die Bühne bringt. Soli, Duette und Ensemblewerke wechseln sich ab. Zur Musik der Chansonnière Barbara sowie von Nina Simone, Lady Gaga, Keith Jarrett, Johnny Cash, Ravi Shankar und Etta James bewegen sich die Mitglieder des Basler Ballettensembles.
Doch was tun sie eigentlich? Spüren sie der Musik nach, erzählen sie uns eine Geschichte, die ihnen auf den Leib choreografiert wurde, oder ist es ihre eigene Geschichte, die sie zu der gespielten Musik improvisieren? Ist es zentral zu wissen, was sie tun, oder sollten wir uns nicht vielmehr der Qualität ihrer Bewegungen widmen und das Denken für eine Weile auf den Besucherrängen der Kleinen Bühne ausser Acht lassen?
Es lohnt, sich für eine Stunde auf die Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer zu konzentrieren, um sich mit dem Vokabular Marco Goeckes vertraut zu machen, das nicht irgendeines ist. Er versteht es, den bislang getanzten Alphabeten eine neue Richtung vorzuschlagen, die sich inspirierend auf die Bewegungen auswirkt. Klingt vielleicht verwirrlich. Ich versuche es mit einem Beispiel: Wie wäre es, nach der Musik Keith Jarretts den «Nussknacker», «La fille mal gardée» oder «Giselle» zu tanzen? Würden sich dabei nicht neue Bewegungsstrukturen über altbekannte schieben und eine Art Synthese bewirken?
Plötzlich tauchen in den Stücken – man kann aus den Darbietungen eine beliebige wählen – Bewegungen auf, die man so bislang nicht gesehen hat. Die Arme der Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich, als wollten sie zu einem Abflug starten. Doch sehen wir die Bewegungen fragmentiert, in Einzelsequenzen zerlegt, und wissen nicht, ob dies so stundenlang eingeübt wurde oder einer bestimmten Lichttechnik zu verdanken ist. Das erinnert an das 1912 entstandene Gemälde «Dinamismo di un cane al guinzaglio» des italienischen Futuristen Giacomo Balla, das einen Hund an der Leine zeigt. Eine alltägliche Bewegung, die Balla in Sekundensequenzen zerlegt hat, was den Betrachtenden das Gefühl gibt, der Hund im Bild bewege sich samt der Leine.
Und genauso alltäglich sind die Bewegungen in Goeckes Choreografien, bloss hat man sie in dieser Neuakzentuierung bislang nicht wahrgenommen – vielleicht nur deshalb, weil wir doch eigentlich wissen, dass wir nicht fliegen können, und daher auch nie einen entsprechenden Versuch unternehmen. Wieso also nicht mal Neues, Ungewohntes versuchen, um so zu neuen Lösungen zu kommen? Und vielleicht liegt da das Geheimnis der dunklen Materie. Wir schauen in den Nachthimmel und vermuten, sie zu sehen, obwohl wir sie gar nicht sehen können und nur wenig über sie wissen.
«Black Matter» thematisiert solch bekannte, unbekannte Choreografien, die uns gleichzeitig vertraut und fremd erscheinen. Interagieren die beiden im Duett nun miteinander oder sind sie gerade im Begriff, sich voneinander zu entfernen? Will der Solotänzer uns etwas zeigen oder konzentriert er sich lediglich auf seine Bewegungen? Auch wenn es schwerfallen dürfte, ist es der Mühe wert, das Denken auszuschalten und für einen Moment einzig und allein zu schauen.
Theater Basel. Kleine Bühne. Ballett. Termine auf: www.theater-basel.ch
Text: Simon Baur
Bildlegende: Neue Bewegungsstrukturen in «Dark Matter»
Fotos: ©Gregory Batardon, Theater Basel